Vorwort

Es gibt unzählige Geschichtsschreiber, die detailgetreu und historisch genau das Staatswesen der DDR untersucht haben. Mit meinen Gedanken über das Leben und mein Leben in der DDR, meinen Plänen, dieses Land zu verlassen, komme ich über persönliche Wertungen nicht hinaus und erhebe auch diesen Anspruch nicht. Doch was ist ein Volk ohne seine Atome, seine Menschen? Ich war ein solches Atom und die Dramatik dieser Geschichte spiegelt wider, dass Menschen in der DDR dazu gebracht wurden, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um in Freiheit leben zu können. Ich bin kein Einzelfall.

Allerdings macht mich der Umstand glücklich, dass kurze Zeit nach der Flucht mit meiner Familie kein Mensch mehr an der Mauer sein Leben riskieren musste, um über einen Strich in der Landschaft zu gelangen, um über eine Rasierklinge zu springen – mit unbekanntem Ausgang. Die Unmenschlichkeit dieses Systems muss dauerhaft im Gedächtnis der Menschen in Deutschland und der ganzen Welt wach gehalten werden. Wir haben die Pflicht, unseren Kindern zu erzählen, wie es wirklich war in der DDR und wie Macht missbraucht werden kann, wenn wir nicht aufpassen, wenn wir nicht gegen klare Anzeichen dieser Art etwas tun. Wir haben aber auch die Pflicht zu zeigen, dass wir, die Menschen in diesem Staat, kulturvoll lebten. Jedes auch noch so unmenschliche System hat Bürger, die lachen und weinen, lieben und arbeiten, musizieren und tanzen. Wir lachten und waren verbittert, wir waren froh und wir weinten, wir arbeiteten und fluchten. Von politisch Verbohrten ließen sich nur wenige verführen.

Über das normale unnormale Leben in diesem Staat, der bis zum Zeitpunkt meiner Flucht meine Heimat war, von den vielen Mühen, das tägliche Leben zu organisieren und gegen staatliche Willkür zu stehen, schreibe ich. In ein sicher scheinendes System hineingeboren, vom Staat kontrolliert und gelenkt, wuchs ich als Mitglied einer Schafherde auf und war auf dem besten Weg, nicht zu murren und alles hinzunehmen, was vorgegeben wurde. Um ein gutes Mitglied einer Schafherde zu sein, muss man in erster Linie ein Schaf sein.

Nach und nach trennte ich mich von der Schafherde, bis ich einen folgenschweren Entschluss fasste. Im Leben eines jeden Menschen gibt es unterschiedliche Momente, die tiefgreifende Veränderungen mit sich bringen. In diesem Buch erzähle ich über den dramatischsten Moment meines Lebens. Mut will ich allen Menschen machen, sich mit einengenden und begrenzenden Verhältnissen nicht einfach abzufinden, sondern aktiv die Geschicke des eigenen Lebens zu lenken. Freunde, Familienmitglieder und meine Schüler inspirierten mich, aufzuschreiben, was ich erlebt habe.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Lesen!

Ihr Hans-Peter Spitzner